Klick mich, du Sau! - Ein Kurzroman aus der Welt von „Die Siedler Online“

20.07.2025 16:39 (zuletzt bearbeitet: 20.07.2025 16:45)
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#1 Klick mich, du Sau! - Ein Kurzroman aus der Welt von „Die Siedler Online“
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Titel: Klick mich, du Sau!
Ein Kurzroman aus der Welt von „Die Siedler Online“

Kapitel 1 – Holz, Stein und kalte Pizza

Er hieß Bernd. Früher war er mal Architekt – von echten Häusern, aus echten Steinen. Heute baute er Sägewerke aus Klicks und Schweiß der linken Maustaste. Seit 62 Tagen war er nicht draußen gewesen. Nicht, weil er nicht konnte. Sondern weil draußen keine Förderketten liefen und niemand „Produktionsboost x2“ rief.

Bernd roch streng. Die Mischung aus Gaming-Stuhl, Dönerpapier und altem Mann mit verlorenem WLAN war sein neues Parfüm. Seine Frau hatte ihn zwar nicht wirklich verlassen, aber sie sprach inzwischen mehr mit der Zimmerpflanze. Die reagierte immerhin, wenn sie gegossen wurde.

Ping!
„General wartet auf Befehle.“

„Warte du nur, digitaler Kasper“, knurrte Bernd und schob ein zerfleddertes Sandwich zur Seite. Seine Augen zuckten nervös über das Interface. Das Kampffeld im Dschungel war bereit. Nur sein Laptop nicht. Der fror ein – genau in dem Moment, in dem Bernd seine Armee schicken wollte. „Natürlich. Kriegst du einmal im Monat 'nen Event-General mit Flamingo-Helm, und dann sowas!“

Kapitel 2 – Die glorreiche Wirtschaft

Bernds Lager war am Limit. Kupfer: weg. Marmor: futsch. Brotproduktion: kollabiert. Die Wirtschaft war fragiler als sein Kreislauf nach zwei Dosen Energy auf nüchternen Magen. Und das alles nur, weil irgendein Bot aus der Nachbargilde mit der Subtilität eines Presslufthammers sein Kupfer abgezogen hatte.

„Diplomatie“, murmelte Bernd. „Ich versuch's mit Diplomatie.“
Er klickte auf „freundlich“ – was in Siedler-Online-Sprache so viel bedeutete wie: Ich schick dir Geschenke, bitte tritt mich nicht sofort in Grund und Boden.

Fünf Minuten später kam der Gegenschlag in Form einer Katapult-Attacke. „Herzliche Grüße aus Klosterwelt69“, schrieb der Angreifer. Emoji: Kloster mit Sonnenbrille.

Bernd starrte auf den Bildschirm. Der Chat blinkte mit Spam über Sonderangebote und Verschwörungstheorien zu Loot-Algorithmen. Der Gildenchef hatte sich seit drei Wochen nicht gemeldet – vermutlich bei einem Raid in einem anderen Browsergame gestorben. Aber hey, das Event lief. Es gab Feuerwerk. Und eine Belohnung: ein animierter Deko-Brunnen, der lila glitzerte wie ein schlechter Albtraum.

Kapitel 3 – Wenn Pixel bluten

🎯 Klick mich, du Sau!

Der Soundeffekt kam aus den Tiefen des Interface. Bernd war sich nicht sicher, ob es Teil des Spiels war – oder ob sein Verstand langsam „Feature“ und „Wahn“ nicht mehr unterscheiden konnte. Er klickte. Es war einfacher so. Wer nicht klickt, verliert.

Die Elite-Kaserne war fast fertig. Nur noch 2.300 Granit und ein Opfer aus Fleisch. Bernd überlegte kurz, seine Steuererklärung zu machen – dann schob er den Gedanken bei Seite und sammelte lieber digitale Hasenohren für ein Oster-Event im Juli.

„Ich hab keine Freizeit, Schatz“, murmelte er in Richtung Tür, aus der schwaches Tageslicht sickerte. „Ich bau hier was für die Zukunft. Für... die Kinder.“

Kapitel 4 – Der digitale Thron

Seine Kinder waren längst abgehakt. Blass, lichtscheu und mit einem Twitch-Kanal, der fast so viele Zuschauer hatte wie Bernds Leben soziale Kontakte. Als Bernd einmal versuchte, mit ihnen zu reden, hatten sie ihn gefragt, ob er „im Real Life“ auch so viel micromanagt wie in seinem „verf***ten Holzlager“.

Er hatte nichts geantwortet. Nur geklickt.

Die Gilde feierte heute ihren 10. Geburtstag. Alle online, alle da. Eine große Parade, eine Statue für den Gildengründer, der seit 2018 inaktiv war. Bernd hielt eine Rede im Voice-Chat – mit belegter Stimme, knisterndem Headset und einer Träne im Auge, die er auf seinen Touchpad wischte.

„Brüder... Schwestern... Produktionsstätten... Wir sind keine Menschen mehr. Wir sind Maschinen mit Paypal-Konto.“

Applaus. Ironie? Vielleicht. Wahrheit? Defintiv.

Kapitel 5 – Ruhe in Klick

Als Bernd eines Morgens nicht mehr online kam, lag sein Avatar noch 18 Tage lang als unbewegte Einheit im Sumpfgebiet. Die Gilde baute ihm zu Ehren ein Denkmal: „Der letzte Klickkönig.“

Man munkelte, dass seine Urne irgendwann in ein Mauspad integriert wurde – limitiert, mit RGB-Beleuchtung.

Und tief in der Datenbank, unter Millionen Zeilen Code, flackerte manchmal ein alter Bug auf:

„Felixio wartet auf Befehl...“

ENDE.

Der Song zum Text :-)


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20.07.2025 16:51 (zuletzt bearbeitet: 20.07.2025 16:54)
avatar  Sven
#2 RE: Klick mich, du Sau! - Ein Kurzroman aus der Welt von „Die Siedler Online“
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„Ja, so ist das Leben als Siedler :-)“
Wer jemals um 3 Uhr nachts den Produktionsbuff gesetzt hat, wird sich in diesem Text schmerzhaft wiederfinden – und dabei schallend lachen. Sarkastisch, ehrlich, und gnadenlos treffend. Endlich jemand, der ausspricht, was wir alle wissen: Wir leben nicht in der Siedler-Welt – wir arbeiten in ihr. Und der Chef ist ein Algorithmus mit Burnout.

Der Song ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️


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